Die Geschichte von Frank, der reich war /
Der Streit der Engel

Teil 1: Die Geschichte von Frank, der reich war

- Join the journey into the peculiar life of Frank! -

Frank hatte verschiedene Eigenschaften, aber das Besondere war: Er war superreich. Er war so reich, daß er sogar jemanden dafür angestellt hatte, ihm die Post aus dem Briefkasten durch den Garten ins Haus zu tragen. Sein Haus war riesengroß und hatte alles: Schwimmbad, Dachterrasse, Sauna, Billardkeller, Tennisplatz, Bibliothek, Weinkeller, Fitneßstudio, eine 9 Loch - Golfanlage, genug Garagen, um seinen Wagenpark unterzubringen und eine raffiniert umklappende Bettcouch für besondere Gelegenheiten. Die besonderen Gelegenheiten ergaben sich regelmäßig samstags abends, wenn eine seiner Limousinen ohne ihn vom Grundstück rollte und wenig später mit ein oder zwei exklusiven Liebesdamen wiederkam. Die machten ihn zwar nicht glücklich, hielten ihn aber bei Laune; außerdem tat ihm die Bewunderung gut, in der sich die Damen stets ergingen, um mehr Kohle abzukassieren. Vor Jahren war er einmal verheiratet gewesen, doch seine Frau hatte nie einsehen wollen, daß das Geschäft nicht von selbst läuft und ein angemessener Standard erarbeitet sein will. Glücklicherweise waren aus der kurzen Ehe keine Kinder hervorgegangen - ein Umstand, der ihn nur anfänglich bekümmert hatte: Sparte er ihm doch nun Unsummen an Unterhaltszahlungen. So waren die Jahre ins Land gegangen. Seine Konten füllten sich unaufhörlich quasi von selbst, die wichtigen Entscheidungen trafen seine Direktoren und Frank war darüber ein wenig überflüssig in seiner Geldmaschine geworden. So war er auf der Suche nach neuen Herausforderungen, schnell und einfach möglichst viel neues Geld zu machen. Ziellos ließ er sich eines Tages, in der Hoffnung auf die entscheidende Inspiration, durch die Stadt fahren. Als der Wagen eine große, katholische Kirche passierte, geschah etwas Seltsames: Ohne genau zu wissen, weshalb, ließ er den Wagen stoppen und betrat die Kirche. Innen herrschte Stille, nichts war zu hören vom Straßenlärm, und die Erhabenheit des Gebäudes machte ihn selbst still und ruhig. Im Seitenschiff fand er ein Gestell mit Teelichtern, die man gegen Spende anzünden und dabei beten durfte. Er war zwar nie sonderlich religiös gewesen - trotzdem er getauft und konfirmiert war - doch da niemand in Sicht war, der das Bezahlen kontrollierte, zündete er dennoch eine Kerze an und wünschte sich seine Inspiration. Plötzlich glaubte er, jemanden hinter sich seufzen gehört zu haben und schrak herum, aber außer ihm war niemand in der Kirche. Das Gefühl, nicht allein zu sein, legte sich in ihn wie eine schreckliche Wahrheit. Ein paar steinerne Engel blickten pausbäckig auf ihn hinunter. Und dann geschah es: Tief in ihm erwachte eine Gewißheit, die schon seit vielen Jahren in ihm geschlummert hatte und nun lebendig wurde; voller Tatendrang und in seinem Instinkt bestätigt federte er froh zum Portal hinaus und wußte, was er zu tun hatte. Daß er das hatte jahrelang übersehen können! Noch im Auto wies er seine Chefsekretärin telefonisch an, alle Unterlagen für seinen sofortigen Kirchenaustritt bereitzulegen. Durch eine einzige Unterschrift würde er viele Tausend Mark Kirchensteuer sparen und damit gewinnen, Geld, das er Jahr für Jahr zum Fenster rausgeschmissen hatte. Zur Feier des Tages schickte er die Limousine noch am selben Abend los, obwohl es erst Donnerstag war.




Teil 2: Der Streit der Engel

"Was bist Du, ein Engel oder was?"

"Komm, was soll er schon gemacht haben? Er war auch nicht schlechter als alle anderen!"

"Toll! Ein Egozentriker war er, einer, der sich nur für sich interessiert hat! So Typen können wir hier gerade gebrauchen!"

"Reg Dich ab! Das kriegt der Chef schon in Griff. Und außerdem, wenn er nicht einverstanden ist, kann er ihn ja immer noch wegschicken."

Zwei Tage nach seinem Austritt aus der Kirche, an seinem geliebten Samstag, erlitt Frank einen Koitus Interruptus nebst Herzinfarkt und hatte neben einer nun doch nur sehr geringen Steuerersparnis lediglich erreicht, daß es der Pfarrer der örtlichen Gemeinde ablehnte, ihn kirchlich zu bestatten, woraufhin seine Schwester einen freien Redner engagierten und ein Vielfaches bezahlen mußte. Nun stritten sich zwei Vorzimmerengel um die Beurteilung des Kandidaten. Seit vor ein- oder zweitausend Jahren der Junior von einer irdischen Mission zurückgekehrt war, brachte der Chef viel Zeit mit ihm und seinem Stellvertreter zu und überließ die Routine einigen ausgesuchten Engeln. Zwei davon konnten sich gerade nicht einigen.

"Das kannste haken. Der war in den letzten vierzehn Jahren gerade zweimal in der Kirche, einmal bei der Beerdigung seiner Mutter, als er den Pastor hinterher fragte, ob er den ganzen Auferstehungsmüll eigentlich selber glaubte, und dann neulich, als er eine neue Idee zum Geld verdienen brauchte. Und? Sogar in der Kirche hat er kein einziges Mal Kontakt zum Chef gesucht! Glaubst Du, so einen will er hier haben?"

"Mann, jetzt reg Dich doch nicht so auf! Du gibst ja wohl zu, dass er eine Menge Sachen nicht schlecht gemacht hat, oder? Er hat nie getötet, er hat Vater und Mutter geehrt..."

"...solange er noch Taschengeld bekam..."

"... und er hat den Namen vom Chef nicht mißbraucht, im Gegensatz zu vielen, die wir reingelassen haben."

"Genaugenommen hat er ihn überhaupt nie gebraucht, oder? Aber abgesehen davon geht's mir eh um den Gesamteindruck, und der ist ganz schön bescheiden. Zum Beispiel hat er nicht gerade viel dazu beigetragen, die Pläne vom Chef realisieren zu helfen..."

"...wie so viele hier..."

"Ja, aber mit ihm hier hatte er so viel vor! Er war absolut top ausgestattet. Und was hat er damit gemacht? Obwohl er mehr als tausend Gelegenheiten hatte? Nichts als Scheiße!"

"Was für Ausdrücke Du am Leib hast. Außerdem war er ja auch nie glücklich damit, er ist bloß nicht drauf gekommen, was eigentlich abgeht."

"Der Chef hatte extra den Pfarrer in seiner Gemeinde ausgetauscht, damit er einen guten Konfi - Unterricht kriegt. Er hat ihm eine klasse Frau zur Seite gestellt, die er vorher gut vorbereitet hatte. Die beiden sollten der Stützpunkt im Ort werden. Überhaupt, seine Frau. Alle haben ihn beneidet und sich gefragt, warum ausgerechnet er sie abgekriegt hat. Und sie, sie hatte tausend Pläne, aber nach den ersten paar Wochen hat er sich kaum noch um sie gekümmert, außer wenn Samstag war, und da ging es ihm auch nur um sich. Nee nee, so ein Egozentriker. Der bleibt draußen."

Unvermittelt platzte ein dritter Engel durch eine Tür ins Zimmer:

"Scheiße! Die Dortmund Easy Riders machen Wochenendfahrt und ich finde meine HighSpeed - Flügel nicht! Kann von Euch schnell einer runter? Bitte?"

"Hier, nimm meine. Wir haben gerade 'ne wichtige Besprechung."

Erleichtert schnappte der Kollege die Wings und stürzte der Bikertruppe hinterher. Die andern beiden stritten sich lautstark weiter.

"Also, nix gegen den Chef, aber vielleicht hätte er einfach jemand anders aussuchen können? Also, entweder für seine Pläne, oder halt ne andre Frau für unsern Kandidaten. Ich meine, wenn..."

"Jetzt mach aber'n Punkt! Wenn sich der Chef schon reinhängt bei Partnersuche und so, dann paßt das auch. Wenn da was nicht paßt, dann ist das 'ne Frage von Ignoranz der Betroffenen. Dem hier ging's ganz klassisch um Geld, Fun und Frauen."

"Also, um die Frauen ging's ihm eigentlich nicht besonders...."

"...stimmt, es ging ihm eigentlich immer nur um sich selber. Mann, den können wir einfach nicht reinlassen. Er hat noch nicht mal das Freilos genommen."

"Freilos?"

"Juniors Mission..."

"Ach so. Ok, gut, dann fragen wir eben den Junior persönlich, ob er ihn reinläßt."

"Ich kann Dir jetzt schon sagen, was da rauskommt. Er fragt nach dem Freilos, nee, hat er nicht, und dann fragt er Geld oder Liebe, und da sagen wir Geld, und dann wird er wieder traurig und fragt, ob er schon hier ist, und dann sagen wir ja, und dann ist die Stimmung hier wieder total im Eimer. Nee, nee. Ich sag: Das ist kein Grenzfall, der bleibt ganz klar draußen. Und außerdem verschwinde ich jetzt. Wenn Du den Junior unbedingt fragen willst, dann ist das Dein Bier."

Genervt vom Job und seinem Kollegen verließ der Engel das Vorzimmer. Ge Flur saß Frank und rührte sich nicht. Der Himmel ist sehr hellhörig, und Frank hatte die ganze Diskussion mitangehört. Im Vorzimmer spielte der andere Engel mit dem Kabel der Gegensprechanlage herum. Es war kurz vor zehn, die paar Minuten würde er den Junior noch träumen lassen, aber dann mußte er ran. Na klar würde er ihn fragen!


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