Dies ist die Geschichte von Käpt'n O. Wir schreiben das Jahr 2196. Käpt'n O war ein Mensch mit einem ganz normalen Beruf, aber sein Hobby war sehr interessant: Er war nämlich Amateurraumfahrer. Die Raumfahrt hatte in den letzten hundert Jahren so erstaunliche Fortschritte gemacht, daß praktisch jeder sich einen kleinen Raumgleiter leisten konnte. Auf einer seiner ausgedehnten Weltraumreisen (meistens ging sein ganzer Urlaub dafür drauf) hatte er einen völlig unbekannten, kleinen Planeten entdeckt, und durch Zufall war er auch seinem Geheimnis auf die Spur gekommen: Durch seine einzigartige Atmosphärenbeschaffenheit brach sich das Licht einer nahegelegenen Sonne derart ungewöhnlich, daß auf dem Planeten bislang vollkommen unbekannte Farben vorkamen. Zunächst hatte Käpt'n O sie nur als ganz leichte Farbvarianten wahrgenommen, doch nach einigen glücklichen Zufällen und hartnäckigem Experimentieren war es ihm gelungen, ein Spezialsichtgerät zu entwickeln, welches richtig eingestellt eine komplette faszinierende Welt völlig neuer, fremder Farben sichtbar machte. Regional gab es Unterschiede: Wenige Schritte konnten zwei ganz unterschiedliche Bereiche voneinander trennen, jeder Übergang erforderte eine neue Einstellung des Farbsichtgerätes, was dann das Wahrnehmen wieder neuer Farben ermöglichte. Je mehr Regionalzonen Käpt'n O durchwanderte, desto mehr mußte er sich eingestehen, daß die Anzahl der neuen Farben, die er zunächst noch zu katalogisieren versucht hatte, wohl unendlich war.
Käpt'n O war hingerissen: Dies war eine echten Offenbarung, eine absolut einzigartige Erfahrung. Gleichzeitig hatte er mehr und mehr den Eindruck, mit zunehmender Dauer immer mehr Gelassenheit und Weitblick zu gewinnen, erstmals fühlte er sich friedlich und sicher. Dies und ähnliche Eindrücke führten anfangs zu der Sorge, sein Körper, speziell sein Gehirn, könnte diese Flut neuer Eindrücke womöglich nicht richtig verarbeiten und Schaden nehmen, doch sein Vertragsarzt stellte nach eingehenden Untersuchungen überrascht fest, daß Käpt'n O nicht nur keine Schäden zu befürchten hatte, sondern daß vielmehr ein bislang völlig ungenutzter Teil in seinem Hirn angesprochen worden war und zu funktionieren begann: Bislang hatte dieser Sektor des menschlichen Gehirns als ein Rätsel der Humanmedizin gegolten, da niemand seinen Zweck erklären konnte: In der Fachliteratur wurde er schlicht "Sektor u" genannt (die acht Sektoren des menschlichen Gehirnes hießen ansonsten a - g, u sollte "unnütz" oder "ungenutzt" bedeuten, da er zwar bei jedem Menschen vorhanden, jedoch gleichsam überall ohne Funktion zu sein schien). Obwohl besagter Arzt in einem ausführlichen Artikel der elektronischen Fachdatei "Anatomie heute" über diese erstaunliche Entdeckung berichtete, konnte von einem medizinischen Durchbruch keine Rede sein: Zwar wurden weltweit die Beobachtungen des Arztes diskutiert, doch die Skepsis der medizinischen Koryphäen fand ihre Bestätigung in der Unmöglichkeit, den Effekt in den Spezialkliniken und Sanatorien nachzustellen, und so wurde Käpt'n O kurzerhand zum medizinischen Einzelfall erklärt und geriet wieder in Vergessenheit.
Käpt'n O war nicht auf Ruhm aus, daher schmerzte ihn dies nicht sonderlich. Viel beeindruckter war er von der Entdeckung, daß durch seine mittlerweile monatelangen Aufenthalte auf "seinem" Planeten und die vielen bereits durchwanderten Regionalzonen die Aktivierung seines Sektor U offenbar deutlich voranschritt, was es ihm nach und nach ermöglichte, einen Großteil der Farben ohne Gerät wahrzunehmen. Eine echte Errungenschaft! Der von Anfang an angelegte, bisher nie genutzte Sektor U brachte ihn auch sonst weiter: Er begann, Zusammenhänge zu verstehen, nahm Mitmenschen und Probleme ganz neu wahr und fühlte sich viel nützlicher und angebrachter als vorher. Nach vielen weiteren Besuchen auf seinem Planeten (er hatte ihn inzwischen "k.o." genannt) begann es Käpt'n O geradezu tragisch zu finden, in der Heimat ohne diese unvorstellbare Vielfalt dieser bisher unbekannten Farben auskommen zu müssen, und so beschloß er, diese Entdeckung auch für andere zugänglich zu machen. Trotz größerer Anstrengungen gelang es ihm aber nicht, die Gaszusammensetzung der Atmosphäre zu entschlüsseln, so daß man den Effekt nicht nachstellen konnte: Man mußte ihn einfach vor Ort erleben.
Obwohl sich Käpt'n O wünschte, alle Menschen könnten den Aha-Effekt der unbekannten Farben erleben, fürchtete er sich vor den Auswirkungen unkontrolliert einfallender Touristenhorden auf "seinem" Planeten, so daß er sich für eine andere Variante als den Massentourismus entschied: Zunächst stellte er in mühevoller Heimarbeit in geringer Anzahl eine verbesserte Variante seines Farbsichtgerätes her, die Wahrnehmung der Farben auch anderen Menschen ermöglichen sollte: Eine Art Sonnenbrille wurde durch eine dünne Versorgungsleitung mir einem etwa schuhkartongroßen Transzessor, einem Umwandler, verbunden, der wahlweise im Rucksack oder an einem Gürtelhaken getragen werden konnte. An diesem befanden sich unter einer leichten Abdeckung die vielen Regler und Filterwahlschalter, mittels derer das Gerät auf die individuelle Sehstärke und Farbempfindungswerte des Benutzers einerseits und auf die regionalen Colordifferenzen andererseits eingestellt werden mußten. Geschützt wurde das komplizierte und zugegeben immer noch unhandliche Gerät durch eine gefütterte Aluverschalung.
Käpt'n O kaufte (auf Raten) ein kleines, zwölfsitziges Reiseschiff, welches in seinem gesellschaftlichen und verkehrstechnischen Stellenwert etwa dem früheren VW-Bus entsprach: Langsam, aber geräumig; nicht schön, aber funktionell. Mit diesem Vehikel und einigen kleinen Werbebroschüren plante Käpt'n O, kleine Reisegruppen zu k.o. zu fliegen, um sie die erstaunlichen Farbphänomene erleben zu lassen, die den achten, den U-Sektor des Gehirnes aktivieren und so die Möglichkeiten menschlichen Denkens erst komplettieren und die Leute selbst weiterbringen würden. Das Echo auf seine Reklame war angenehmen Umfangs, und so startete Käpt'n O bald zu seiner ersten Tour.
Der Aufenthalt war auf drei Erdwochen hin konzipiert: Neben der Farbanomalien hatte der Planet auch noch viele andere Besonderheiten zu bieten, interessante Schwerkraftverhältnisse zum Beispiel und eine faszinierende Pflanzenwelt, die erfüllt war vom Summen ihres ständigen Kommunizierens; aber auch Teiche, in deren trägem Wasser warme Gasblasen hingen und die Haut beim Baden ungemein erfrischten, Lichtwellen, die aus kleinen Kratern austraten und eine geradezu absurde, wenn auch höchst amüsante Albernheit hervorriefen, kurz: Es gab genug zu sehen und zu erleben, und so hatte Käpt'n O ein abwechslungsreiches, vielseitiges Programm mit viel Freizeit zusammengestellt. Immer wiederkehrend waren die Versammlungen aller vor den einzelnen Programmpunkten, um je nach regionaler Zonenlage die komplizierten Farbsichtgeräte genau zu justieren. Die Erfahrungen der unzähligen Ausflüge Käpt'n O's hierher und seine umfangreichen Notizen ermöglichten es ihm, beim Einstellen der Farbparameter ohne die umfangreichen Messungen der ersten Monate auszukommen, so daß er die Anleitung seiner Reisegesellschaft beim jeweiligen Einstellen der Geräte rein mündlich vornehmen konnte, was zwar immer noch vergleichsweise viel Zeit in Anspruch nahm, jedoch einen großen Fortschritt gegenüber seinen ersten Versuchen darstellte. Die Reisenden waren begeistert von dem Planeten und fragten sich bald, wie sie es bisher mit der Eintönigkeit und Beschränktheit der Erde ausgehalten hatten. Fast den ganzen ersten Tag streiften sie staunend durch verschiedene Regionen und ließen all die neuen Farben der herrlichen Umgebung auf sich wirken, nur unterbrochen von den Zwischenstopps an den Regionalübergängen, an denen die Farbsichtgeräte neu eingestellt werden mußten. Im Verlauf der weiteren Tage bog man sich vor Lachen bei den Albernheitswellen, man übte das Schweben in gravitationsärmeren Höhenlagen und amüsierte sich auch sonst einfach prächtig. Jede Gegend auf k.o. brachte immer noch andere, neue Farben zum Vorschein, und mit jeder neuen Farbe wurden weitere Teile des solange ungenutzten Sektors U angesprochen und aktiviert. Lediglich das häufige Umstellen des Farbsichtgerätes wurde lästig auf Dauer, noch dazu erwies es sich wegen seiner Größe gelegentlich als etwas störend; und da man es zum Bad in den Gasblasenteichen ohnehin ablegen mußte, kamen einige Mitglieder der Truppe bald darauf, es doch ganz einfach ab zu lassen und sich die Zeit des ständigen Justierens zu sparen. Zwar waren so fast keine farblichen Unterschiede mehr festzustellen, aber trotzdem boten das Programm von Käpt'n O und besonders auch die Freiräume genug Möglichkeiten, auf die nicht geringen Kosten der Reise zu kommen, und so war die ganze Geschichte mit den Farben bald eine Nebensache, die fast in Vergessenheit geriet. Die während des gemeinsamen Programms von Käpt'n O anberaumten Zwischenstopps an den Regionalübergängen wurden von vielen nur noch als Entspannungsphase genutzt, andere berieten sich über die Möglichkeiten, sich in der neuen Gegend bestmöglich zu amüsieren.
Käpt'n O bemühte sich zunächst, über diese Phänomene hinwegzusehen und instruierte die verbliebenen Aufmerksamen weiterhin sorgfältig bei der Ausrichtung der Farbparameter; schließlich konnte er keinen zu seinem Glück zwingen, fand er. Dennoch erhielt seine Arbeit von nun an einen faden Beigeschmack: Sicherlich, seine Gäste waren vollauf zufrieden und würden noch lange von diesem außergewöhnlichen Urlaub schwärmen, doch die Erschließung und Aktivierung von Sektor U hatten viele früh abgebrochen, sie würden nach der Reise kaum weiter sein als vorher. Die Erfahrungen, die sie machten, konnten sie vielleicht nirgends sonst machen, sicherlich, aber die eigentlichen Chancen blieben kaum genutzt, die Chancen, die sie über ihren Urlaub hinaus weiterbringen könnten. Was nützten seine Informationen über die optimalen Farbeinstellungen, wenn die Farbe zur Nebensache geraten war und sich die Mühen zur Wahrnehmungsoptimierung daher nicht zu lohnen schienen?
Käpt'n O kam ins Grübeln. Schließlich entschloß er sich zu einer Gardinenpredigt: Mit geharnischten Worten drückte er seinen Unmut darüber aus, daß einige die Faszination und den Nutzen der Farben schon wieder vergessen zu haben schienen, doch eben weil genau dies der Fall war, stieß er auf taube Ohren. Einige, die zu lange in den Lichtwellen herumgealbert hatten, hatten ohnehin kaum etwas mitbekommen, andere bohrten gelangweilt in der Nase und bemerkten, ihre Geräte hätten sie irgendwo liegengelassen, und wieder andere sagten pampig, ja, sie hätten ja nun inzwischen alle Farben gesehen und hätten genug für Sektor U getan und jetzt könne man sie ja wohl zufrieden lassen, schließlich seien sie freiwillig hier.
Käpt'n O ließ die Schultern sinken und setzte sich auf einen Stein. "Alle Farben gesehen", murmelte er resigniert, und vergrub enttäuscht das Gesicht in den Händen.
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