"His Holiness, the Lord Himself, is very busy. Can I help you meanwhile?" Nein, ein Einschreiben, er würde später noch mal vorbeikommen. Aber busy war gar kein Ausdruck: Zehntausende von Anrufen, und alle gleichzeitig, das forderte doch ein wenig. Natürlich, nichts besonders Bewegendes: Ein Haufen kleiner, kurzsichtiger Gebete um Frieden und Liebe (Kategorie 112), ein "neverending stream" törichter Eitelkeiten jeder Größenordnung (Kategorie 411-418) und natürlich die üblichen süßseichten Wolken von halbwarmer Ehrerbietung (540 ff), die rund um die Uhr und rund um den Globus von Gemeinden emittiert wurden, die sich für charismatisch hielten, und die ihn immer angenehm schläfrig machten. Zu all dem hatte er alles gesagt, was es zu sagen gab. Nicht, daß es ihm gefiele, daß sie offensichtlich nichts davon verstanden hatten, aber schließlich war er neben den fast 41.ooo Qualifikationen, die er in sich vereinte, auch ein erstklassiger Pädagoge. "Hard, but just", pflegte er zu passenden Gelegenheiten in seinem ulkigen Englisch zu bemerken, und gelegentlich fügte er noch eine grimmige Bemerkung über seine endgültigen Lösungsvorschläge hinzu, die sogar die erbärmlichen Kommunikationsprobleme für immer lösen würden. Natürlich waren es nicht wirklich Vorschläge, weil niemand über ihre Durchführung zu befinden hatte als His Holiness, the Lord Himself - auch würden sie nirgends diskutiert werden, weil sein Stab die Ideen natürlich alle toll finden und als einzig sinnvolle Verfahrensweise erkennen würde, und dies wiederum lag in der Natur der Umstände: Die Besatzung seines "Club Paradise" bestand ausschließlich aus Loyalisten - nicht, weil alle widerliche Schleimer waren, sondern weil sie sich einer ungeheuren Autorität gegenüber fanden, die nach all den Jahren noch immer eine unglaubliche Kompetenz und Klarheit ausstrahlte.
Die Zahl der Anrufe lag nur noch knapp unter der kritischen Marke und wurde langsam nervig. Eine gewaltige Gewitterfront hing gerade über Mitteleuropa (nicht sehr passend, aber am Jahresende mußten die alten Bestände aufgebraucht werden), so daß der Lärmpegel in der Kategorie 2o1 ("Bitten und Flehen in großer, doch unbegründeter Angst") noch weiter anstieg.
Nicht, daß ihn dies völlig ungerührt gelassen hätte.. Doch im Moment blieb dafür einfach keine Zeit: Es war der 24. Dezember, und das bedeutete Vorrang für den Renner der Saison: Eine Flut unschuldiger Weihnachtswunschgebete (Kategorie 910ff), die zwar seit Jahrhunderten sein ausgesprochenes Wohlwollen fanden, jedoch üblicherweise in die Abteilung "Recherche" und dort früher oder später in die Ablage wanderten. Trotzdem erforderten sie Konzentration bei der Durchsicht. His Holiness, the Lord Himself sah auf seine Armbanduhr. Nicht, daß er un-geduldig gewesen wäre - so war er nicht gemacht - aber trotzdem...
Als die Cherubim endlich das 2o.oo Uhr - Halleluja intonierten, öffnete sich eine flugs improvisierte Tür in der Wolkenwand. "Thy Majesty - His Gentleness, the Holy Spirit shuffles in." Würdevoll neigte der diensthabende Portierengel sein matt umglänztes Haupt, als ein leichtes Wehen den Raum erfüllte. "Huh, what's up, gettin' cold in here!" Beide lachten donnernd über ihren allabendlichen, Jahrtausende alten Witz, bevor sie einander nach Art alter Männerfreundschaften umarmten und zur Sache kamen: "The Tages-Schao", wie Seine Heiligkeit verschmitzt zu bemerken pflegte, seit er vor einigen Jahrzehnten eine Erhebung in deutschen Mittelklassehaushalten durchführte. "Well", hob er an, "As Thy Majesty requested..." - "Oh damned, stop it. How long shall I remind ya to say "You" to me." Auch dies war Teil des täglichen Rituals: Natürlich war die einzig wirklich schickliche Anrede der komplette Terminus mit offiziellem Titel - doch seit sie sich kennengelernt hatten, lebten sie eine Freundschaft von solch ungeheurer Innigkeit, daß sie sich nicht mehr vorstellen konnten, je ohne den anderen gewesen zu sein. Einmal hatte einer der Engel nachdenklich erwähnt, er habe mitunter das Gefühl, die beiden seien eigentlich ein und dieselbe Person. Man sagte, His Holiness, the Lord Himself hätte geheimnisvoll gelächelt, als er davon erfuhr - jedenfalls war der Engel prompt zum Gruppenleiter ernannt worden.
His Gentleness, the Holy Spirit erfreute sein Gegenüber gerade mit einer Anekdote von seiner heutigen Tour. Er war gerade in Mittelengland auf der Durchreise gewesen, als er im Vorbeiwehen eine Gemeinde wahrnahm, die ihm völlig unbekannt vorkam. Wie er inzwischen festgestellt hatte, war sie vom zuständigen Dispo - Engel völlig übersehen worden, so daß sie seit dessen Dienstantritt vor 36o Jahren nicht mehr auf der Besuchsliste erschienen war. Natürlich war His Gentleness, the Holy Spirit sofort spontan in ihre doch etwas hölzerne Versammlung geplatzt und hatte für eine Menge Aufregung gesorgt.
"...and then, ya know what I did - I grooved down the gangway and whoops - straight into the pastor." Er war sichtlich in seinem Element. "And then - huuuih, ya shalt have heard him, Thy Majesty, he doubled his pace, and all of a sudden, he stopped for a moment, and began to preach like he never did before, just as if he'd never known before what to do with these folks up there. Yeah, after all those years of nothing, nobody guessed it was me, instead, some of them seemed to be downright alarmed, so I told them: "Thou shalt not want", but..."
His Holiness, the Lord Himself schaute und hörte fasziniert zu - er liebte es, seinen Freund so begeistert Englisch reden zu hören und freute sich jeden Abend darauf. Er hatte seit Jahren den fortschreitenden Bedeutungsverlust seiner irdischen Dependancen verfolgt und beschlossen, im Himmel nicht dieselben Fehler zu machen. Zwei Hauptprobleme hatte er ausgemacht: Einerseits drehte sich nicht wirklich alles um ihn und sein Vermächtnis, andererseits waren die Seinen kein bißchen mit der Zeit gegangen. Sie redeten in einer Sprache, die nicht mehr gehört und verstanden wurde in der Zeit des "Anything goes" und des "Big Business". Den Verlust seiner Autorität hatte er seit der Niederschlagung der Revolte durch seinen Ex - Vertrauten Lucifer nicht mehr zu befürchten. Und als Reaktion auf Punkt zwei hatte er im Himmel Englisch als Amtssprache eingeführt. Die Theologen und Historiker unter den Engeln orakelten mitunter aufgeregt, dies könne sich als sein erster Fehler seit der Erschaffung des Mars herausstellen (dem er, ganz in Gedanken, zwei Monde statt nur einen verpaßt hatte) und die Frage nach seiner Unfehlbarkeit aufwerfen.
Während His Gentleness, the Holy Spirit und His Holiness, the Lord Himself sich über die erschreckten Anglikaner amüsierten und die morgigen Feierlichkeiten besprachen, saß Cern in der Inputzentrale. Seit er um 2o.oo Uhr His Holiness, the Lord Himself abgelöst hatte, waren einige zehntausend Anrufe an ihm vorbei in die Verteiler gesaust, ohne daß etwas wirklich Außergewöhnliches dabei gewesen wäre. Trotzdem war er eigentlich nicht gerade zufrieden: Es war Weihnachten, und wer hatte Dienst? Er, ausgerechnet. Natürlich war das Arbeitsklima im Himmel insgesamt erstklassig, aber heute hätte er doch gerne frei gehabt. Als es vor einigen Wochen um die Dienstpläne fürs Jahresende gegangen war, hatte er sich für Silvester eingetragen, aber die "central mission - coordination (cmc)" hatte ihn diesmal leider nicht berücksichtigt. Klar, einer mußte es machen...., aber: Ausgerechnet er? Warum? Etwas später wußte er es. Während er sich noch ein bißchen vor sich hin ärgerte, ertönten plötzlich die ersten Takte von "Oh when the saints...", und das in so einer lächerlichen Tonlage, daß Cern tatsächlich grinsen mußte - ein Witz vom Chef. His Holiness, the Lord Himself kannte seinen Pappenheimer. "Are marching in!", rief Cern und fischte aus dem Hauptspeicher die Meldung, die durch das Trallala angekündigt worden war. Keine Kategorienummer - das bedeutete, daß der automatische Verteiler den Anruf entweder nicht zuordnen konnte oder, was wahrscheinlicher war, ihn aus bestimmten Gründen für so wichtig erachtete, daß er ihn vorsorglich erstmal dem diensthabenden Engel am Input überließ. Ah, ein Kindergebet, nicht gerade sein Spezialgebiet. Natürlich ein Mädchen, Grundschulalter. Nadine. Hm, eigentlich nichts Besonderes an ihrem Kindergebet: "Bitte lieber Gott mach daß der Papa bald da ist und wir endlich anfangen können und bitte mach daß die Mama nicht mehr so böse ist wegen dem Essen. Und bitte mach daß alles ganz schön wird und daß es noch Schnee gibt und ich das Pferdebuch kriege. Amen." Eigentlich eine ganz klare 920, dachte sich Cern, und schickte den Anruf per Hand weiter, aber er kam umgehend zurück. "Oh when the saints...." irritiert stellte Cern das Gedudel ab und betrachtete das Kindergebet erneut. Kein Anhaltspunkt, warum es nicht weitergeleitet werden sollte. "Well, let's have a look", murmelte Cern vor sich hin und wandte sich der Control Area zu. Hm, also mit Schnee würde es nichts mehr werden heute Abend, aber der Vater war schon fast zu Hause, das Pferdebuch lag schön eingepackt unterm noch dunklen Weihnachtsbaum und die Mutter war nur nervös vor Sorge um ihren Mann. Der Abend würde noch ganz prima laufen. Warum also ging die Meldung nicht weg?
Engel bekommen, wenn sie als Engel anfangen, einen Haufen bester Eigenschaften mit für ihren Job - und die brauchen sie auch. Das heißt aber nicht, daß sie perfekt wären. Cern wußte genau, daß er am Besten His Holiness, the Lord Himself wegen des Anrufes zu Rate ziehen sollte. Wahrscheinlich würde er sowieso schon wissen, daß er ein Problemchen hatte, aber natürlich wartete er, daß der Engel zu ihm käme, und das nicht aus Arroganz, das wußte Cern. Trotzdem brauchte er noch mehrere Minuten, bis er seinen Stolz überwunden hatte. Schließlich düste er doch rüber. "Thy Majesty, Cern is beggin' for Thy esteemed attention." Der Portierengel trat einen Schritt zur Seite und Cern trat schüchtern ein. "Thy Majesty", setzte er an, doch His Holiness, the Lord Himself strahlte ihm schon entgegen und schien sich nicht im Geringsten gestört zu fühlen. "How do ya do?", begrüßte er ihn, "What's up?!" Natürlich, wenn er gewollt hätte, hätte er wissen können, warum Cern ankam. Aber das fand er schon immer überheblich, und Kommunikation war, wie er fand, die Basis für gutes Betriebsklima. Ein Anruf, berichtete Cern, den er nicht ablegen könne. Eine normale 920, bestenfalls eine 930, und offenbar alles in Ordnung. Aber der Verteiler... - His Holiness, the Lord Himself hatte sich dafür interessiert, welches Problem sein braver Engel hatte. Plötzlich interessierte er sich für das Problem. "Where does it come from, Germany?" - "Yes, Thy Majesty", antwortete Cern und fragte sich, warum er das Ding eigentlich nicht mitgebracht hatte. Nun wußte er nicht, wohin mit seinen Fingern. His Holiness, the Lord Himself, wechselte einen geheimnisvollen Blick mit His Gentleness, the Holy Spirit. Ob er, Cern, den Namen des Mädchens wisse? Der Engel wunderte sich über die Nebensächlichkeit, nach der er da gefragt wurde. "Nadine", sagte er verwirrt und löste ein mittleres Triumphgeheul unter den würdigen Herrschaften aus. "Nadine! She did it! Finally!" Fassungslos sahen Cern und der Portiersengel zu, wie His Holiness, the Lord Himself und His Gentleness, the Holy Spirit, wie ein paar Känguruhs herumhüpften, sich um den Hals fielen und ganz offensichtlich außer sich waren vor Freude. Cern kam sich unglaublich dumm vor. Schließ-lich beruhigten sich die beiden ein bißchen. "Oh happy day", seufzte His Holiness, the Lord Himself, und strich sich die Haare aus der Stirn. "A special mission", sagte er atemlos zu Cern. "We've been waiting for this little girls prayer for a long time, so I had put a secret note to our input-center not to file it. Good heavens, this is the launch!" Cerns Englisch war inzwischen ganz passabel, aber er verstand überhaupt nichts. Wieso freuten die sich so darüber, daß sich dieses Mädchen meldete? Genauge-nommen freuten sich alle über jeden Anruf, aber so einen Aufstand hatte er noch nie erlebt. "We did not know whether she'd ever call us", erfuhr Cern, "and we had, in this case, no possibility to influence her at all. If she didn't call us any time, our plan had been doomed to fail. But now she did it. From now on, we'll be with her." Cern fühlte sich ernst ge-nommen, aber er hatte noch immer keine Ahnung, was hier los war. Schüchtern fragte er, ob "Thy Majesty, His Holiness, the Lord Himself" ihm nicht vielleicht aus seiner Unwissenheit heraushelfen könne?
Da sagte er's ihm.
His Righteousness, Prince and Promised Conqueror and Redeemer, legte wenig Wert auf Titel, insbesondere auf seinen. Allen Engeln hatte er angedroht, sie hinfort "Whiny Wingthings" zu nennen, wenn sie sich nicht endlich "Prince J" angewöhnen würden - das hatte gezogen. Prince J saß still an einer Luke und blickte in ein kleines Kinderzimmer, in dem ein kleines Mädchen auf einem Hocker am Fenster stand, sich die Nase platt drückte und auf die Straße hinaus starrte. In Deutschland also! Die ganze Zeit hatte His Holiness, the Lord Himself ein Riesengeheimnis daraus gemacht: Wo, wann, wer - alles hatte er - gegen seine Gewohnheit - nur mit His Gentleness, the Holy Spirit besprochen. "A big surprise" hatte er ihm versprochen, "maybe on your birthday." Heute Morgen hatte er noch nichts davon gesehen. Und jetzt standen ihm die Tränen in den Augen: So gerührt war er nicht mehr gewesen, seit Maria ihm in Bethanien die Füße gesalbt und mit ihrem Haar getrocknet hatte.
Lange hatte sein Vater gegrübelt. Hatte seine Pädagogik gegen seine Barmherzigkeit gestellt und seinen gerechten Zorn gegen seine Trauer. Hatte in jeder freien Stunde an einer der Luken gesessen und nachdenklich hinabgesehen. Abwechselnd hatte er den Kopf geschüttelt und sich auf die Unterlippe gebissen. Nächtelang hatte er mit sich gerungen, Stolz und Freude gegen Leiden und Wut abgewägt, und eines Nachts gewann etwas ganz anderes in ihm: Die Hoffnung. In seiner kurz darauf folgen-den Pfingstansprache hatte dann His Gentleness, the Holy Spirit länger als gewöhnlich über den Zustand der Erde referiert und His Holiness, the Lord Himself, hatte von einer zweiten Chance gesprochen.
Nadine wartete immer noch auf ihren Papa. Warum kam er nicht, heute war doch Weihnachten! Ein Auto bog um die Ecke, aber ein rotes. Das von Papa war dunkelblau. Wo steckte der bloß?
Sobald Kinder ins Spiel kamen, lief alles gleich viel besser, wie im Himmel, so auf Erden. Kinder öffnen Türen, Geldbörsen und Herzen. Erwachsene findet man nett, Kinder süß. Das war auch einer der Haupt-gründe gewesen, weshalb His Holiness, the Lord Himself, seinen Junior damals nach sorgfältigem Abwägen von Geburt an auf der Erde groß werden ließ. Ursprünglich war ihm eine gründliche Ausbildung in der Himmlischen Akademie vorgeschwebt, zur Vorbereitung auf seine Aufgaben, doch sollten Juniors Wanderjahre mehr bewegen als die der Propheten vor ihm, und so hatte er das volle Programm bekommen, von Anfang an.
Ein blaues Auto bog um die Ecke - "Der Papa kommt!!!" Nadine rannte die Treppe runter und flog ihrem Papa in die Arme. Die Mutter war erleichtert: "Na Gott sei Dank, ich hab mir schon Sorgen gemacht. Wo warst Du bloß?" - Spät weggekommen, viel Verkehr, was vergessen, noch mal zurück, alles nicht so wichtig jetzt. Jetzt ist endlich Weihnachten. Endlich!
Weihnachten bei Nadine: Papa zündet die Kerzen am Baum an, Mama die auf dem Tisch und im Bücherregal. Weihnachten - gleich wird gesungen: "Oh Tannenbaum" und "Alle Jahre wieder", mehr kennt sie noch nicht, und dann gibt's Geschenke und endlich die Plätzchen, die sie zusammen gebacken haben und Mama kriegt den Stern, den Nadine in der Schule gemacht hat für Weihnachen.
Und Weihnachten im Himmel: Geburtstag von Prince J, alle Jahre wieder, er weiß nicht, der wievielte. Diesmal ist alles anders als sonst: Er steht an der Luke und schaut Nadine beim Geschenke auspacken zu. Das Pferdebuch!... His Gentleness, the Holy Spirit und His Holiness, the Lord Himself schauen in das gleiche kleine Häuschen, nur von einer an-deren Luke aus. Kein Stern hängt über dem Dachgiebel, keine Hirten sind gekommen, denkt Prince J und kriegt eine Gänsehaut, aber da ist Nadine, sechs Jahre alt, seine kleine Schwester.
aber ich würde mich freuen, wenn Ihr kurz Bescheid sagt! Gesegnete Weihnachten wünscht euch der Micha |
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